KONZER MARATHONIS in BERLIN durch WEST und OST

 

Lange ist es her. Am 30.September 1990- drei Tage vor der Wiedervereinigung- gab es schon die sportliche Wiedervereinigung auf den Stra√üen Berlins, als der BERLIN-MARATHON zum ersten mal¬† seit 28 Jahren seine Laufstrecke durch das Brandenburger Tor von WEST nach OST und √ľber den Potsdamer Platz zur√ľck in den Westteil Berlins legen konnte.

Dieser 17. BERLIN-MARATHON am 30.09.1990 war mit seiner Rekordbeteiligung von 25000 Läuferinnen und Läufern aus aller Welt ein sportpolitisches Medienereignis.

Mittendrin ein Marathonteam von der TG Konz. Die Truppe hatte sich akribisch auf dieses Ereignis vorbereitet und wollte sich so teuer wie möglich verkaufen.

Mit dem VW-Bus der Stadt Konz machten wir uns auf den Weg nach Berlin. Es lief gut bis circa 100 km vor Berlin unsere Frontscheibe platzte und in tausend Einzelteile zerlegte. Auf einem Parkplatz schlugen wir die Scheibe raus, vermummten uns zum Schutz gegen den Fahrtwind und fuhren weiter. Von jetzt an ging es nat√ľrlich langsamer voran und die zwei Frontpl√§tze besetzt mit Fahrer Uwe Lellinger und Beifahrer Horst-Detlev Dern waren nicht hei√ü begehrt. Aber Jammern n√ľtzte nichts wir wollten ja nach Berlin. Die auf den hinteren Pl√§tzen machten sich klein und die Heizung lief auf vollen Touren. Unterwegs wurden wir auch von der Polizei kontrolliert, denn es war f√ľr das Wochenende Randale in Berlin angek√ľndigt. Wir zeigten nur unsere nicht vorhandene Scheibe und wechselten ein paar Worte mit den Polizisten. Sie lachten und wir durften weiterfahren. So erreichten wir Berlin und begaben uns zur Ausgabestelle der Marathonunterlagen. Von da ging es nach Ostberlin in den Stadtteil Hohen Neuendorf. Hier waren wir in einem Art Kinderheim untergebracht. Kinder von sieben bis siebzehn, meist aus kaputten Ehen. Unwahrscheinlich nett, ein gemeinsames Fr√ľhst√ľck am n√§chsten morgen war ein Erlebnis. Doch wie sind sie untergebracht? M√§ngel wo hin man schaut, W√§nde, Decken, T√ľren, Toiletten, Waschr√§ume, wohin man blickt, Flickenschusterei. Eine andere kaputte Welt. Das Ganze war eine Bruchbude genauso wie Ostdeutschland. Sch√∂n das wir das noch live gesehen haben.

Samstagmorgen zu Zweit unterwegs um eine neue Scheibe zu bekommen. Nach vielen Anl√§ufen und KM in der gro√üen Stadt fanden wir den VW-Notdienst und die neue Scheibe konnte eingebaut werden. Die R√ľckfahrt war gerettet. Am sp√§ten Nachmittag, Nudelparty im Sommergarten zwischen Messegel√§nde und Funkturm. Der Garten wie ein gro√ües Amphitheater, Rasen, Blumen, dazu Sonnenschein. √úberall Nudelst√§nde, dazu Malzbier.

Nochmals ordentlich Kohlenhydrate auff√ľllen, wir werden sie f√ľr den Sonntag gebrauchen k√∂nnen. Flotte Musik, prominente L√§ufer werden vorgestellt, man sitzt, liegt auf dem Rasen, flaniert, trifft Bekannte aus der ‚ÄěSzene‚Äú. Zur selben Zeit dr√§ngen die Menschen zur letzten Vorstellung des Moskauer Staatszirkus, feiern die Berliner auf bayrisch Oktoberfest. Bei Aldi und den Gro√ühandlungen der Unterhaltungselektronik atmet das Personal auf. Der Tag der Polen ist vorbei. Schon vormittags hatten wir uns gewundert. Wohin man schaute, polnische Fahrzeuge. Wollten die alle Marathon laufen?

Doch dann erfahren wir, dass mit dem Tag der Deutschen Einheit f√ľr die Polen Visumspflicht bestehen w√ľrde So lautete wohl deren Motto: ‚ÄěAuf nach Berlin, noch gilt es!‚Äú Riesige Schlangen vor Aldi, stundenlanges Warten. Vor den Elektrohandlungen fuhren die LKW mit Fernsehern, Videoger√§ten und anderen Artikeln vor. In Kisten verpackt von den Wagen runter, gleich in die hoffnungslos √ľberladenen Wagen der Polen hinein, dazwischen schnell zahlen. Das Schn√§ppchenherz lacht!

Sonntag, kurz vor neun Uhr, auf der Stra√üe des 17.Juni. 25000 Frauen und M√§nner warten auf den Startschuss. Dieser Marathon, den es so nie mehr geben wird, erstmals gesamtdeutsch, die Wiedervereinigung gewisserma√üen vorwegnehmend, verbreitet eine knisternde Spannung. B√ľrgermeister Ost und B√ľrgermeister West begr√ľ√üen die Marathoni. Drei Kilometer hinter der Startlinie das Brandenburger Tor. Mit erhobenen F√§usten wird es von der Meute durchlaufen. Dann zun√§chst etwa 10 Kilometer durch den √∂stlichen Teil der Stadt. Relativ wenig Zuschauer, eine Gruppe von Volkspolizisten spendete herzlichen Beifall, ansonsten agieren die Zuschauer √§ngstlich und zur√ľckhaltend, Vielleicht haben die Ostberliner jetzt andere Sorgen. Wie sollen sie pl√∂tzlich in aller √Ėffentlichkeit impulsiv reagieren, spontan ihren Gef√ľhlen freien Lauf lassen? So etwas konnte in der Vergangenheit der schnellste Weg zur Stasi sein. Den Mund halten, sich abschotten, nur nicht auffallen. Das geh√∂rte zur √úberlebensstrategie der meisten.

Wie anders dagegen in Kreuzberg, dem Stimmungsspitzenreiter des Berlin-Marathons. Einmalig die Begeisterung, die Spontanit√§t in diesem Stadtteil. Da laufen die L√§ufer nicht, da wird geflogen. Deutsche und T√ľrken freundlich vereint und wie beim New-York-Marathon stehen die Kinder am Stra√üenrand, halten ihre H√§nde hin, wollen von den L√§ufern abgeklatscht werden.

So ging es im Sauseschritt √ľber die Marathonstrecke bis ins Ziel auf H√∂he der Ged√§chniskirche. Die ganze Marathon-Truppe lieferte eine fantastische Leistung ab. Vorweg die drei Schnellsten Rainer Schr√∂der 80 im Gesamtklassement in 2:28:01 Stunden. Damit gewann er die AK 45. Danach unser Urgestein Wilfried Hermesdorf als Gesamt-118 in 2:29:43 Stunden und Andreas Kilian in 2:32::18 Stunden als 160. Alle drei mit neuen Bestzeiten. Das bedeutete neuer Bezirksrekord in 7:30:02 Stunden und Platz 8 Gesamtrang der Mannschaften in Berlin. Neue pers√∂nliche Bestzeiten lieferten aber auch Wilfried Nohl in 2:48:18 und Uwe Lellinger in 2:48:54 ab. Drei L√§ufer der TG Konz hatten Marathonpremiere: Dieter Hens 3:35:09, Rudolf Lutz 4:23:36 und unsere weibliche Begleitung Marlies Frick in 4:53:06. Marlies kann also neben ihren vielen sonstigen sportlichen Aktivit√§ten auch Marathon laufen. Ein Jubil√§um feierte schlie√ülich der Senior des Teams, Horst-Detlev Dern (M60), der die 42,195 Kilometer in 3:25:34 bew√§ltigte, damit das dritte Mal in Berlin lief und seinen zehnten Marathon erfolgreich durchstand.

So gab es am Abend viel zu feiern bevor es am n√§chsten Tag zur√ľck in die Heimat ging. Montags auf der R√ľckreise, √úberqueren die ehemalige Grenzanlage der DDR. Die Abfertigungsanlagen stehen verlassen herum, wie Fossilien einer schon lange zur√ľckliegenden dunkeln Vergangenheit. Wir blicken zur√ľck auf ein Sportereignis, das durch die politische Entwicklung eine ganz besondere Note bekommen hatte, den Berlin- Marathon 1990.

Horst-Detlev Dern und Rainer Schröder haben in der Zwischenzeit unsere Welt verlassen und schauen vielleicht auf uns herab. Der Rest der Truppe ist weiterhin mehr oder weniger sportlich aktiv und freut sich des Lebens.

 

Uwe Lellinger                                                                Kanzem 22.10.2020